Home Blog Treasury Management Das Black-Box-Problem: Warum CFOs zunehmend auf KI setzen, die ihre Schlussfolgerungen offenlegt

Das Black-Box-Problem: Warum CFOs zunehmend auf KI setzen, die ihre Schlussfolgerungen offenlegt

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Eine einzelne Zahl blinkt auf dem Bildschirm: 30 Tage bis zum Liquiditätsengpass. Keine Erklärung, warum sich die Liquiditätslage verschärft oder welche Kundengruppen ihre Zahlungen verzögern. Das Modell hat gesprochen. Doch wenn der Aufsichtsrat fragt, wie es dazu kam, folgt eine Antwort, die sich hinter Fachbegriffen versteckt: „Der Algorithmus hat ein Muster identifiziert. In einer Zeit, in der Cashflow-Management über die Resilienz eines Unternehmens entscheidet, reicht eine ‘Black-Box’ nicht mehr aus.“

Wenn Machine Learning Prognosen liefert, aber keine Begründung

Das Black-Box-Problem ist in seiner Grundstruktur simpel. Moderne Machine-Learning-Modelle verarbeiten umfangreiche Datenmengen und generieren dabei Vorhersagen von oft beeindruckender Genauigkeit. 

Bei der Cashflow-Prognose etwa kann KI Muster erkennen, die menschlichen Analysten möglicherweise entgehen, wie zum Beispiel, dass bestimmte Kundensegmente während der Bilanzsaison langsamer zahlen, oder dass Veränderungen im Zahlungsverhalten von Lieferanten auf Belastungen in der Lieferkette hindeuten könnten. Auch Korrelationen z.B. zwischen makroökonomischen Indikatoren und dem Working Capital können erkannt werden. 

Ein Problem entsteht jedoch, wenn man fragt: Warum hat sich die Prognose geändert? Komplexe Modelle mit tiefen neuronalen Netzen bieten häufig keinen nachvollziehbaren Weg vom Input zum Output. Sie funktionieren als Black Box, deren Ergebnisse selbst für Experten schwer nachvollziehbar sein können. Besonders beim Einsatz von KI im Finanzbereich und bei finanzwirtschaftlichen Entscheidungen ist das für CFOs ein ernstzunehmendes Risiko.

Der regulatorische Rahmen: Warum Transparenz wichtig ist

Finanzaufsichtsbehörden haben inzwischen klare Grenzen gezogen. Es ist riskant, KI als reine „Technologie-Frage“ abzutun; es ist eine Compliance-Frage.

In der EU stuft der AI Act, die europäische Verordnung für KI-Systeme, bestimmte Systeme als „Hochrisiko“ ein. Dazu gehören insbesondere Systeme zur Bewertung der Kreditwürdigkeit. Beim Einsatz solcher KI-Workflows fordert die Aufsicht strenge Transparenz- und Erklärbarkeitsanforderungen ein. In Deutschland konkretisiert die BaFin diese Vorgaben: Der Einsatz von KI-Systemen im Risikocontrolling und in der Liquiditätssteuerung kann besondere Dokumentations- und Nachvollziehbarkeitspflichten auslösen.

Die BaFin verlangt daher von Finanzinstituten, dass sie auch bei Einsatz komplexer Algorithmen die Entscheidungsgrundlagen transparent darlegen können, ein Grundsatz, der sich aus MaRisk und BAIT ergibt. Bei automatisierten Entscheidungen gewährt zudem die DSGVO (Art. 22) Betroffenen Transparenzrechte, während das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz Diskriminierung bei Bankgeschäften verbietet.

FeatureBlack Box KIGlass Box / Explainable AI
NachvollziehbarkeitUndurchsichtig ("Computer says no")Transparent (Faktoren werden benannt)
ComplianceRisikobehaftet bei AuditsAudit-fähig und dokumentierbar
VertrauenErfordert blindes VertrauenBasiert auf verifizierbaren Fakten
EinsatzgebietEinfaches ReportingStrategische Entscheidungsfindung

Die wahren Kosten mangelnder Transparenz

Die Vorstandssitzung beginnt in zwei Stunden. Der Finanzvorstand muss erklären, warum das Unternehmen seine Kreditlinie in Anspruch nehmen, Lieferantenkonditionen neu verhandeln und das Forderungsmanagement beschleunigen sollte. Das KI-Modell hat eine Liquiditätswarnung ausgegeben, doch das Treasury kann die zugrundeliegende Logik nicht artikulieren. Versuchen Sie, das zu präsentieren. Finanzsteuerung droht in einem solchen Fall zum Kaffeesatzlesen zu verkommen, statt fundierte Analyse zu bleiben.

CFOs müssen verstehen, wie KI-Modelle Vorhersagen generieren, wann automatisierte Erkenntnisse vertrauenswürdig sind und wie sich diese mit menschlichem Urteilsvermögen verbinden lassen. Man fordert daher zu Recht: KI sollte erkennen, wann sie autonom handeln kann und wann Entscheidungen an Menschen eskaliert werden sollten („Human-in-the-loop“).

Explainable AI: Die Black Box öffnen

Ein möglicher Lösungsansatz ist Explainable AI (XAI), erklärbare KI. Dieser Ansatz kombiniert prädiktive Machine-Learning-Modelle mit Large Language Models, die die Begründung hinter Vorhersagen in natürlicher Sprache artikulieren können. Eine solche Kombination kann es KI-Systemen ermöglichen, sowohl präzise Prognosen zu generieren als auch menschenlesbare Erklärungen dafür zu liefern.

Künstliche Intelligenz im Finanzwesen: Die wichtigsten Prioritäten und Trends

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Wird Black-Box-KI vollständig verschwinden? Das erscheint unwahrscheinlich. Doch Unternehmen, die erklärbare KI, transparente Datenpraktiken und klare Kommunikation mit Aufsichtsbehörden priorisieren, dürften besser positioniert sein, um Vertrauen und regulatorische Compliance aufrechtzuerhalten.

Wie sieht eine mögliche Transformation hin zu einer erklärbaren KI aus? 

Mit zunehmender KI-Einbettung könnte Governance verstärkt ins Zentrum des CFO-Mandats in Unternehmen rücken. 

Jeder kritische KI-gestützte Prozess – etwa Steuererklärungen, Offenlegungen oder Kapitalplanung – kann von einem namentlich benannten menschlichen Verantwortlichen profitieren, der die Ergebnisse abzeichnet. Klare Verantwortlichkeiten können dazu beitragen, Vertrauen bei Vorstand, Aufsichtsrat, Regulatoren und Stakeholdern zu schaffen.

Treasury-Management-Plattformen wie die KI-gestützte Lösung von Embat, die auf Google Vertex AI basiert und mit mehr als 10 Millionen Datensätzen trainiert wurde, zielen darauf ab, diesen Ansatz umzusetzen, indem sie automatisierte Cashflow-Prognosen mit transparenten Erklärungen der Prognosetreiber kombinieren. Finanzteams können so potenziell sowohl Prognosekraft als auch die Fähigkeit erhalten, ihre Entscheidungen zu verteidigen.

Praxisbeispiel: Transparente Prognose in der Anwendung

Bei einer Implementierung erklärbarer KI kann die Aufschlüsselung einer Cashflow-Prognose aufzeigen, welche Kundenkohorten, Zahlungsbedingungen und saisonalen Faktoren die Projektion beeinflusst haben. Das Treasury ist dann in der Lage, es zu erklären, zu verteidigen und danach zu handeln.

Ein Praxisbeispiel für transparente Prognosen:
Anstatt nur einen Rückgang des Cashflows vorherzusagen, könnte eine XAI-gestützte Analyse aufzeigen:

„Die Prognose wurde um 5 % gesenkt, weil Kundensegment B (Retail) das Zahlungsziel im Schnitt um 4 Tage überzieht und die Rohstoffpreise für Q3 volatil sind.“

Das Treasury ist nun in der Lage, diese These zu prüfen, zu verteidigen und gezielte Maßnahmen einzuleiten.

Der Transformationsimperativ für den CFO

Transparente, erklärbare KI gewinnt im Finanzwesen zunehmend an Bedeutung, nicht nur für regulatorische Compliance, sondern auch für institutionelles Vertrauen, ethische Standards und Risikosteuerung. Unternehmen, die Ethik in die KI-Adoption integrieren, können möglicherweise Kundenvertrauen, Marktreputation und langfristige Wettbewerbsfähigkeit stärken. Ethische KI könnte damit zum strategischen Vorteil werden.

Das Black-Box-Problem ist keine Barriere für KI-Adoption, es ist ein Aufruf zur verantwortungsvollen Implementierung. Für CFOs, die die Finanzfunktion der Zukunft aufbauen, lautet die Frage nicht, ob Machine Learning für Prognosen eingesetzt werden soll, sondern ob Machine Learning eingesetzt wird, das sich selbst erklären kann. Die Antwort dürfte zunehmend sowohl regulatorische Notwendigkeit als auch Wettbewerbsvorteil sein.

Mehr über KI im Treasury erfahren Sie auch in unserem Artikel zu Generative KI im Treasury-Management sowie KI als strategischer Partner des CFOs.

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